Malaysia, Brunei, Singapur

11/05/2016  By Darius Kordon
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 Kulturelle Faszination Südostasiens

Im geschäftigen Changi Airport Singapore endet ein weiteres Kapitel meiner Reisen durch Südostasien. Es ist bereits mein dritter Ausflug in die Region zwischen Indien und Ozeanien innerhalb eines Jahres gewesen, doch er war wieder anders. Voller neuer Eindrücke, reich an Erfahrungen. Dieses Intermezzo sollte mich in touristische Hochburgen und heruntergekommene Ortschaften weit entfernt der malerischen Postkartenmotive Malaysias, Bruneis und Singapurs verschlagen.

Als ich um 22:00 Uhr bei 30°C Außentemperatur und einer gefühlten Luftfeuchtigkeit von 100% am ‘‘Kuala Lumpur International‘‘-Airport landete, hatte ich außer einer Handvoll Dokumentationen und Geschichten anderer Reisender noch nicht viele Bezugspunkte zu Malaysia herstellen können. Obwohl ich es mittlerweile schon hätte besser wissen müssen, hatte ich beim Klang dieses Namens einfach ein indonesienähnliches Land vor Augen. Etwas wohlhabender, kleiner und mit deutlich weniger Inseln zwar, jedoch reichte meine Phantasie nicht aus, das Bild einer deutlich anderen sozialen Zusammensetzung oder Mentalität der Bevölkerung zu zeichnen.

Einmal in der Hauptstadt KL angekommen, wird jedoch deutlich, dass es hier mehr, als nur die weltbekannten Zwillingstürme und einen Flughafen, der sich zu einem Hauptdrehpunkt in der Region entwickelt hat, zu sehen gibt. Ein aufstrebendes Land im Bauwahn, das mit Geldern der Erdöl-, Tourismus- sowie Palmölindustrie einen Wolkenkratzer nach dem anderen von little India bis Chinatown aus dem Boden stampft und somit seinen Status als eines der führenden Schwellenländer Asiens in Beton gießen möchte. Eine Nation die versucht, zwischen der Finanzmetropole Singapur und dem Touristentraum Thailand seine eigene Identität zu vermarkten und dabei unter Anderem mit Sauberkeit, multikultureller Vielfalt oder industriellem Fortschritt zu punkten weiß.

Nach einigen Tagen in Kuala Lumpur beschloss ich, zuerst die Touristenhotspots Malakka und Penang an der Westküste zu besuchen. Die beiden Welterbestätten sind definitiv einen Besuch wert, allerdings sollte man die Erwartungen nicht zu hoch stecken, denn obwohl ich während der Regenzeit reiste, waren so viele Touristen vor Ort, dass das Flair der chinesisch geprägten Altstadtzentren ein wenig verloren ging.

Rund 20% Chinesen leben in Malaysia und bilden somit vor den Indern (10%) die größte Minderheit. Immer wieder wurde mir auf dieser Reise stolz von Einheimischen berichtet, dass ihr Land eines der wenigen auf der Welt sei, in welchem drei große ethnische Gruppen in Frieden und Harmonie leben. Mit Sicherheit eine der schönsten Eigenschaften Malaysias, da sich die kulturelle Vielfalt in den Religionen, vor allem aber auch in der kulinarischen Landschaft vor Ort, widerspiegelt. Das Essen ist mein heimlicher Favorit unter all den Dingen, die es hier zu sehen und erleben gibt, denn wo man alle Ethnien Asiens auf kleiner Fläche antreffen kann, ist die Auswahl geschmacklicher Abenteuer nahezu unbegrenzt.

Auf der Insel Penang mietete ich für sieben Tage einen Motorroller, um eine große Runde durch den Norden des Landes zu drehen, jedoch verkalkulierte ich mich bei den Distanzen ein wenig, sodass ich deutlich länger als geplant mit Fahren beschäftigt war. Die erste Etappe führte vom Nordwesten in den fernen Nordosten immer entlang der thailändischen Grenze, bis in die Bezirkshauptstadt Kota Bahru. Die gesamte Region gilt als äußerst islamisch-konservativ und Touristen verirren sich nur sehr selten hier her. Dementsprechend war meine Unterkunft auch nicht annähernd mit westlichen Standards zu vergleichen, was allerdings kein Problem darstellte, da eine Handvoll Leute an der Rezeption mir meinen Abend in der nicht besonders aufregenden Stadt unheimlich verschönern sollten.

Am nächsten Tag ging ich einige Male im Verkehr verloren und verpasste somit am Abend die letzte Fähre zu einer der kleinen Paradisinseln vor der Ostküste. Es sollte eines der Highlights des kleinen Roadtrips werden, weshalb ich ein wenig enttäuscht den Hafen verließ, um weiter nach Süden zu fahren, damit ich dem nächsten Ziel, dem ältesten Urwald der Welt in der Provinz Pahang, zumindest ein Stückchen näher kommen konnte. Zwei Tage später erreichte ich das kleine Dorf Kuala Tahan im Herzen des Taman Negara Nationalparks, einer Malaysias größter Attraktionen. So kam es auch, dass mir zum ersten Mal seit Tagen eine Menge vorwiegend junger, weißer Reisender über den Weg lief.

Die Mehrheit der Unterkünfte besteht aus kleinen Homestays, die sich hervorragend als Ausgangspunkt für alle Aktivitäten eignen, welche es im Urwald zu unternehmen gibt. Ein Tag reichte meiner Meinung nach jedoch aus, um die für mich interessanten Sachen zu sehen, sodass ich am nächsten Morgen wieder auf dem Roller in Richtung Penang saß, um diesen abzugeben.
Landschaftlich und verkehrstechnisch war es der wohl schönste Tag des Roadtrips. Vorbei an malerischen Teeplantagen in den Cameron Highlands ging der erste Teil meiner Reise auf dem malaiischen Festland dem Ende entgegen und bereits am übernächsten Morgen saß ich im Flugzeug von KL nach Bandar Seri Begawan, der Hauptstadt des kleinen Sultanats Brunei auf der drittgrößten Insel der Welt, Borneo.

Einige seltsame Geschichten kamen mir bereits im Laufe des vergangenen Jahres über die kleine islamische Monarchie zu Ohren, deren Bevölkerung keine Steuern zahlen muss, Benzin 30 Cent kostet und es den Einwohnern verboten ist, kurze Hosen zu tragen. Obwohl die Beziehungen der BRD zum Sultanat recht gut sind, ist es nicht einfach, konkrete Informationen zu den ungewöhnlichen Gesetzen des Landes auf der offiziellen Internetseite des Auswärtigen Amtes zu finden. Dass Teile der Scharia nur für Muslime gelten, wird dort nicht ersichtlich, auch erfährt man als Tourist so gut wie keine Einschränkungen, was so vor meiner Ankunft nicht absehbar war. Die frühere britische Kolonie dürfte in Europa einigen Menschen ein Begriff sein, handelt es sich doch um ein wohlhabendes Land und ein unheimlich reiches Königshaus, welches unter anderem mehrere tausend Autos sein Eigen nennt und in prachtvollen Bauten lebt oder arbeitet, die von scheinbar unerschöpflichen Öl- und Gasvorkommen finanziert werden. Der Sultan weiß auch, seine große Beliebtheit in der Bevölkerung zu wahren, indem er jegliche Steuern abgeschafft, Bildung und Gesundheit frei zugänglich gemacht sowie eine grundlegende soziale Absicherung für die Bürger eingeführt hat. Auch wenn nicht jeder Bewohner durch die Ölindustrie reich geworden ist, sucht man Obdachlose oder vor Hunger leidende Menschen vergebens. Die Straßen sind sauber und Kriminalität ist ein Fremdwort für die meisten Bruneier. So präsentabel, so gut.

Schaut man etwas genauer hinter die glänzenden Fassaden der mit Echtgold verzierten Moscheen und Regierungsgebäude, verstört die Skurrilität der Monarchie. Nachtclubs oder Bars gibt es nicht, nach sieben Uhr wird es ruhig in der kleinen Hauptstadt und Menschen treffen sich maximal zum gemeinsamen Fußballspielen, doch ausgegangen wird nicht. Alkohol und Rauchen ist verboten für weitestgehend jeden im Land, jedoch gibt es vor allem für Zigaretten einen blühenden Schwarzmarkt.
Kurze Hosen sind auf Grund des Scharia-Strafrechts so gut wie gar nicht zu finden und Leute, die kritisch über den Sultan oder seine Regierung sprechen, sind sehr rar, wenngleich de facto nicht einmal das Parlament von der Bevölkerung gewählt werden darf. Stattdessen gibt es ein großes Museum, welches ausführlich vom Leben des Sultans berichtet und neben seinen Lieblingssportarten auch eine Sammlung der Geschenke anderer Staatschefs vorzuweisen hat.

Der jüngste Aufmacher in westlichen Medien war zweifellos das Verbot jedweder Weihnachtsfeierlichkeiten in der Öffentlichkeit unter Androhung empfindlicher Geld- oder sogar Haftstrafen, obwohl es unter den Staatsbürgern eine christliche Minderheit von rund 10% gibt. Mit großer Spannung, wie sich die Bevölkerung durch all diese Gesetze hat verändern lassen, erreichte ich am frühen Nachmittag den kleinen Flughafen und konnte durch eine glückliche Fügung mit dem öffentlichen Bus ins Stadtzentrum fahren, um mir ein günstiges Hostel zu suchen. Gar nicht so einfach in einer Stadt, wo billige Unterkünfte so gut wie nicht vorhanden sind, da sich nicht viele Touristen in dieses Land verirren. Doch hier erwartete mich bereits die erste positive Überraschung. Diverse Leute fragten, ob sie mir bei der Suche behilflich sein können und führten mich ohne das Verlangen einer Gegenleistung zu den Hostels in der Umgebung. Bei einem abendlichen Spaziergang wollte es der Zufall so, dass ich einen gebürtigen Bruneier traf, welcher mich kurzer Hand in alle erdenklichen Ecken der Stadt fuhr und mir eine Menge interessanter Hintergrundinfos zu Land und Kultur geben konnte. Die Hauptattraktionen sind das besagte Museum des Sultans, die zwei größten Moscheen des Staates mit Kuppeln aus 24 karätigem Gold und das sogenannte ‘Watervillage‘ auf der der Innenstadt gegenüberliegenden Flussseite. Hierbei handelt es sich auch um meinen persönlichen Favorit: Eine Siedlung, die Venedig sehr ähnelt, mit einigen tausend Einwohnern und der vollen Herzlichkeit der Einheimischen. Leider konnte ich in Brunei auf Grund des Zeitmangels nicht länger verweilen, versuchte aber durch Trampen eine Ausreisevariante zu nutzen, die es mir ermöglichen sollte, mit einigen weiteren Bruneiern in Kontakt zu kommen. Die Meisten hatten von dieser Art zu reisen offensichtlich noch nie gehört und grüßten mit freundlich-skeptischem Blick, jedoch musste ich nie länger als zehn Minuten auf eine Mitfahrgelegenheit warten, sodass ich die Grenze zu Malaysia bereits deutlich früher als geplant erreichte.

Diese beschloss ich allerdings zu Fuß zu überqueren, da unzählige Autos aus Brunei kommend einen kilometerlangen Stau verursachten. Es wird deutlich, dass Bruneier zumindest am Wochenende ihrem Land gerne für ein paar Stunden entkommen möchten, unter anderem um im Nachbarstaat einzukaufen. Von Kleidung über Zigaretten bis Alkohol wird sich mit allem eingedeckt, um sich die Zeit in der Heimat ein wenig zu versüßen. Ein skurriles Land ließ ich an diesem Tag mit vielen Eindrücken zurück, dessen Ruhe ich liebend gerne mit den Freiheiten, die Malaysia zu bieten hat, tauschte, wenngleich man als Tourist nicht die volle Bandbreite an Einschränkungen zu spüren bekommt. Rund 1000 Kilometer trampte ich von Brunei Darussalam bis in die im Nordwesten der Insel Borneo gelegene Hauptstadt des malaiischen Staates Sarawak und verbrachte dort einige entspannte Tage, mit den gütigsten und freundlichsten Leuten der gesamten Tour. Aktivitäten waren nicht mehr viele möglich, da sich die letzten Auszüge der abklingenden Regenzeit noch einmal bemerkbar machten. Ein eineinhalbstündiger Flug brachte mich im Anschluss nach Johor Bahru, die gegenüberliegende Seite der Meerenge zwischen Malaysia und Singapur.

Neben der Hauptverkehrsbrücke auf dem kleinen Inselstaat gibt es dort leider nicht allzu viel zu sehen, doch diese hatte es dafür in sich. Da ich die innerdeutsche oder koreanische Grenze noch nie überquert habe, handelt es sich hierbei um das größte Verwirrspiel meiner bisherigen Reisekarriere. Im Grunde genommen ist es gar nicht so schwer, doch wenn man es zum ersten Mal macht, kann es äußerst kurios und nervenaufreibend sein, mit dem Bus über die immer volle Brücke zu fahren, da man kaum nützliche Informationen bekommt und zusätzlich eine unglaubliche Menge an Menschen von einer zur anderen Seite zu kommen versucht.

Erst einmal in Singapur angekommen, merkt man sofort, dass man sich in einer der schnelllebigen Städte Asiens befindet. Die ständige Innovation greift um sich und verändert das Stadtbild nahezu monatlich. Es handelt sich um ein faszinierendes Konstrukt der Moderne, welches seit seiner Gründung durch die Briten im 19. Jahrhundert zu einem Schmelztiegel der Kulturen und einer anerkannten Industrienation herangewachsen ist. Gotteshäuser unterschiedlichster Religionen stehen konfliktfrei dicht gedrängt nebeneinander auf der begrenzten Baufläche der Insel, denn trotz massiver Erdaufschüttungen wird das Bauland immer knapper und die alten Fassaden der einst so schönen Altstadt weichen zusehends einer stahlgrauen Monstrosität nach der anderen. Doch hinter all diesem Glanz der Moderne und Innovation stehen ähnlich wie in Brunei diffuse Gesetze, strikte Strafen sowie ein nicht geringes Maß an Überwachung. Den Begriff „fine-City“ hatte ich in diesem Zusammenhang zum ersten Mal in Sarawak gehört. Die Strafen für das Rauchen in gewissen Bereichen von 1000$ oder den strengen Regelungen bei der Einfuhr oder dem Erwerb von Kaugummi, sprechen klar für die Bezeichnung der „Stadt der Strafen“.

An einem der bedeutendsten Flughäfen Südostasiens endet also mein knapp einmonatiger Ausflug und neben all den bedeutenden kulturellen Stätten sowie einmaliger sozialer und staatlicher Strukturen, sind es vor allem zwei Dinge, die mir besonders in Erinnerung bleiben. Wie auf jeder Reise sind es wieder einmal die zwischenmenschlichen Kontakte. Sei es die amerikanische Studentin, die ihren Unterricht ausfallen ließ, um mir diverse Orte auf dem malaiischen Festland zu zeigen, ein Pakistani in Kota Bahru, welcher mich nach einem zehnminütigen Gespräch zum Essen einlud und mir im Anschluss seine halbe Familie vorstellte, die selbst erklärte Ehefrau des ersten Cousins des Sultans von Brunei, die mich kurz hinter der Grenze aufsammelte, raucht, trinkt, Kopftücher verabscheut und generell kaum ein gutes Wort über ihr Heimatland verlor oder mein Fahrer zuvor, der nahezu die Hochzeitsfeierlichkeiten seines Cousins versäumte, weil er darauf bestand, mich auch noch die letzten 20 Kilometer bis zur Grenze zu fahren, nachdem er mich zuvor schon fast durch das gesamte Land mitgenommen hatte. Alle Mitarbeiter und Gäste im Guesthouse meiner Wahl in Kuching, welche zum Essen luden, mich nicht ohne einen Sack voller Geschenke und Inspiration ziehen ließen und zu guter Letzt eine Indonesierin in Singapur, die mich unbedingt mit ihrer 17-jährigen Tochter verheiraten wollte. Aber vor allem beeindruckt die kulturelle Vielfalt diese Länder, wo alle erdenklichen Ethnien nahezu ohne Konflikte zusammen leben und ganz im Gegenteil sogar etwas ganz Besonderes geschaffen haben, von dem sich das konservative Europa in einer sogenannten ‘‘Flüchtlingskrise‘‘ mehr als nur eine Scheibe abschneiden sollte.

Darius Kordon

Teeplantagen in den Cameron Highlands im zentralen Hochland Malaysias. Wegen der atemberaubenden Landschaft ist dies einer der Touristenhotspots des Landes.

Teeplantagen in den Cameron Highlands im zentralen Hochland Malaysias. Wegen der atemberaubenden Landschaft ist dies einer der Touristenhotspots des Landes.

Am rechten Bildrand kann man noch erahnen, wie Singapur einst ausgesehen hat. Dahinter strecken sich die Giganten der Neuzeit in den tropischen Gewitterhimmel.

Am rechten Bildrand kann man noch erahnen, wie Singapur einst ausgesehen hat. Dahinter strecken sich die Giganten der Neuzeit in den tropischen Gewitterhimmel.

Die mit Echtgold verzierte Moschee im Stadtzentrum Bandar Seri Begawans ist zweifellos das Wahrzeichen Brunei Darussalams.

Die mit Echtgold verzierte Moschee im Stadtzentrum Bandar Seri Begawans ist zweifellos das Wahrzeichen Brunei Darussalams.






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