Gedanken aus Dandong

15/05/2016  By Darius Kordon
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Es löscht alles aus in mir.

Mein Blick wandert entlang der kitschig beleuchteten Brücke auf die andere Flussseite.

Ich schaue in die Dunkelheit. Ins Nichts.

Schemenhaft kann man sehen, wohin die stählerne Konstruktion führt

und vereinzelte Lichter lassen Gebäude sowie Boote am anderen Ufer erahnen.

Doch nicht einmal die grellbunten Beleuchtungen in meinem Rücken

können Einblicke in das tiefe Schwarz gewähren.

Ich habe Angst bei diesem Anblick.

Ich verspüre Hass.

Pure Abneigung gepaart mir schierer Faszination dessen, was ich nicht klar ersehen kann.

Ich bin froh darüber, auf meiner Seite zu stehen,

doch auch unsagbar traurig beim Gedanken an das Leben dort drüben.

Tiefes donnerndes Grollen schallt herüber, gefolgt von mehreren Warnsignalen eines Zuges.

Ein kräftiger Scheinwerfer strahlt ohne erkennbaren Sinn stumm in den Nachthimmel

und permanentes Surren wie von einer Flugzeugturbine ist aus dem Nirgendwo zu vernehmen.

Niemand weiß, woher es kommt. Niemand hat es je gesehen.

Heute Nachmittag wurde es noch durch laute heroische Musik übertönt, die über die ganze Stadt,

das tschernobylähnliche Riesenrad, die alte Rutsche eines Freibades,

die maroden Boote und die stillgelegten Fabrikgebäude hallte.

Auf meiner Seite versuchte man,

diese Klänge der Angst mit eigenen Marschmelodien zu übertönen.

Es soll nicht hier rüber. Es soll nicht raus.

Ein paar Alte schauen in Gedanken vertieft hinüber,

während die Jungen sich im Selfiemodus verewigen.

Gerne würde ich mit ihnen über das sprechen, was ich sehe, was sie denken,

doch wir verstehen uns nicht.

Ist es das, was die Touristen an der Berliner Mauer empfunden haben?

Ich weiß es nicht.

Ich kenne nur die Geschichten der anderen Seite.

Doch diesmal habe ich das Glück, die Szenerie aus diesem Blickwinkel zu betrachten.

Allerdings werde ich nicht erfahren, was dieser kaum zu erkennende Mensch am anderen Flussufer,

dieser herum huschende Schatten,

erlebt, denkt, fühlt.

Wie lange dieser Scheinwerfer noch blind in den allnächtlichen Himmel strahlen wird?

Ich weiß es nicht.

Habe ich das Leben der Leute hinter mir in den letzten Tagen noch als

beengt und bevormundet empfunden,

schaue ich nun in lebhafte, nahezu freie Gesichter.

Ich drehe mich um und mische mich unter sie.

Darius Kordon.

 






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